Die Mennoniten-Brüdergemeinde

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Die mennonitischen Gemeinschaften im russischen Zarenreich bildeten ein dynamisches Sozialsystem. Die Modernisierung Russlands, die einen sozialen Wandel in den Gemeinden hervorrief, führte zu einer Änderung ihrer religiösen Ansichten, und war ein Grund dafür, dass sie die Regeln des Gemeindelebens änderten und an die moderne Zeit anpassten. Zugleich mit der ökonomischen und sozialen Modernisierung erlebten die russischen Mennonitenkolonien eine 'Reformation', die zu einer stärker durchdachten Form der Gerechtigkeit führte.

 

Spaltungen

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts besaß etwa die Hälfte der mennonitischen Einwohner kein Land. So konnten sie nicht mehr an der Selbstverwaltung teilnehmen, dennoch hatten sie noch vergleichbare Pflichten zu den anderen Mennoniten, die Landbesitz hatten. Unter den Menschen, die kein Land ihr eigen nannten, waren solche, die in anderen Wirtschaftsfeldern als der Landwirtschaft tätig waren, und diese wollten die gleichen Rechte haben. Ihre Proteste führten zu einer neuen Spaltung in den Kolonien, und zur Entstehung der Mennoniten Brüdergemeinde um 1850. In ihr vereinigten sich  Anhänger des Pietismus, Mitglieder der neu entstehenden Gemeinden und Unternehmer (die die größte Gruppe in dieser neuen Kirchgemeinschaft stellten). Die Mennoniten Brüdergemeinde wurde im Januar 1860 in der Kolonie Molotschna zum ersten Mal öffentlich vorgestellt. Die neue Gemeinde vertrat eine neue Art des Zugangs zum Seelenheil, begründet in der Kritik an den althergebrachten Glaubenslehren. So war die Bewegung der  Mennoniten Brüdergemeinde aus der Rebellion geboren.

 

Einfluss und missionarische Tätigkeit

Die Bewegung der Mennoniten-Brüdergemeinde wurde schnell populär unter den sogenannten 'neuen Mennoniten', die für Neuerungen offenstanden. Die erste Konferenz der Mennoniten-Brüdergemeinde fand in 1872 statt. Ihr  Glaubensbekenntnis wurde im Jahre 1873 geschrieben. Ihre Niederlassungen gründeten sie in Kuban, Sagradowka und in Mariupol. Die Brüdergemeinde war aktiv in der Missionsarbeit und gab eine Zeitschrift heraus, die 'Friedensstimme'.

 

'Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft in Russland' von Peter Martin Friesen

Im Jahre 1885 begingen die Mennonite-Brüdergemeinden den 25. Jahrestag ihrer Gemeinschaft, die zu dem Zeitpunkt aus 7 Niederlassungen bestand und 1800 Mitglieder hatte. Zu diesem Jubiläumsjahr war P.M. Friesen gebeten worden, eine Geschichte der Mennoniten-Brüdergemeinden zu schreiben. Sein Buch wurde in 1911 veröffentlicht und es stellte die Geschichte der Mennonitenkolonien insgesamt dar. Im Jahre 1917 zählte die Mennoniten Brüderschaft  40 Gemeinden mit 7000 Mitgliedern.

 

Vereinigt zur Wahrung der Identität

Die Geschichte lehrt uns, dass die Mennonitenbrüdergemeinde sich nicht zu einer  eigenenständigen Glaubensrichtung entwickelte. Der stärker werdende russische Nationalismus zwang die Mennoniten, sich wieder anzunähern. So können wir also feststellen, dass der russische Nationalismus, der den 'Gedanken der Verfolgung' wieder aufleben ließ, die Gemeinden wieder zusammenbrachte. Die Entstehung der Mennonitenbrüdergemeinde mündete in eine Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins als Mennoniten, und zu dem Beginn  ihres Selbstverständnisses als mennonitisch missionarische Kraft in der Welt.