Die russischen Mennoniten und ihr Bildungssystem

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma  

Schule und Bildung hatten einen hohen Stellenwert im Leben der mennonitischen Kolonien. Bildung bedeutete Wissen, es war gleichzeitig aber auch ein Mittel, den Glauben zu wahren. Die Ältesten der Mennoniten waren zuständig für die Bildung. Für die Kinder bestand die Schulpflicht und die Gemeinden hatten die Schulaufsicht.

 

Lesen, Schreiben und Rechnen

Das mennonitische Schulsystem durchlief mehrere Entwicklungsphasen. Die erste Phase (späteres achtzehntes Jahrhundert bis in die zwanzigsten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts) war durch finanzielle Schwierigkeiten geprägt. Zur damaligen Zeit waren die einzigen Bildungsziele den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Die nächste Phase begann im zweiten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, diese war bestimmt durch den Einsatz von Johann Cornies. Cornies gründete in Orloff eine zentrale Lehrerbildungsstätte für die vierjährige Grundschule, danach jeweils noch eine in den Kolonien Halbstadt und Chortitza. 1843 wurde ihm die Gesamtleitung der mennonitischen Schulen anvertraut. Sein Ziel war es, das Übergewicht der Prediger in den Schulen zu verringern, er setzte sich für eine Schulreform ein und gewann finanzielle Unterstützung für die Schulen. Cornies führte auch Lehrerkonferenzen ein, und gründete den Leseclub Gnadenfeld und eine Bibliothek.

 

Russischunterricht: Russifizierung

Im Jahre 1866 führte das Komitee für die Schulaufsicht Russisch als Unterrichtssprache für die mennonitischen Schulen ein. Später wurden die ethnischen Schulen der Aufsicht des Ministeriums für Nationale Erziehung unterstellt, entsprechend der in 1890 – 1892 erlassenen Gesetze. Jede Schule bekam eine Lehrkraft für die Russische Sprache. Der Staat benutzte die Sprachpolitik als Mittel zur Russifizierung. Um mehr qualifizierte Russischlehrer zu erhalten, wurden 1889 in Chortitza 2-jährige Kurse für Lehrer eingerichtet.

 

Einflüsse in die Erziehung von außen

Im April 1905 wurde im Russischen Reich die Gewissensfreiheit verkündet. Einige mennonitische Schulen wurden umorganisiert, einige neue Zentralschulen wurden gegründet. Nach dem Bürgerkrieg (1920) währte der Prozess der ethnischen Neubesinnung an, doch sie hatte einen widersprüchlichen Charakter. Das Pädagogische Institut in Odessa zum Zweck der Ausbildung von Lehrern für ethnische Schulen wurde eingerichtet, einschließlich der mennonitischen Schulen. Jedoch wurde zugleich die antireligiöse Propaganda durch die Sowjetmacht intensiviert. Der atheistische Staat verbreitete seine Ideologie unter Studenten und Heranwachsenden.  Der kommunistischen Organisationen für Pioniere und der Komsomol wurden etabliert. Diese sollten Einfluss auf die junge Generation ausüben. Allerdings waren diese Organisationen unfähig, ihrem Auftrag zu entsprechen.

 

Als die Faschisten in Deutschland an die Macht kamen, erfuhren die mennonitischen deutschsprachigen Schulen Unterdrückung, durchgeführt durch das NKVD (Kommissariat für Nationale Angelegenheiten). Die Professoren und Studenten am Institut in Odessa wurden der Zusammenarbeit mit den Nazis beschuldigt. Einige von ihnen wurden erschossen oder ins Exil geschickt. Die deutsche Sprache wurde im Jahre 1938 aus den Schulen verbannt. Das Ende für die ethnischen mennonitischen Schulen war gekommen.