Gelebter Glaube in Mennoniten-Familien damals und heute

Autorin: Nelly Gerber-Geiser

‘Für Spys und Trank, für d’s täglich Brot, mir danke dir, o Gott‘. Das Essen ist auf dem Tisch, die Dreigenerationen-Familie wieder einmal vereint und hungrig – es ist Sonntag, anfangs November im Jahre 2013. Dabei wird den Grosskindern etwas mitgegeben vom Glauben, der den Grosseltern wichtig ist. Es wird ein Lied angestimmt, das zwar nicht alle kennen, jedoch von allen respektiert wird. Einige der Familienmitglieder waren am Vormittag im Gottesdienst, ein Grosskind in der Sonntagschule. Glauben säen und wachsen lassen:

 

…damit die künftige Generation ihn kenne… damit sie aufstünden und es ihren Kindern erzählten und diese auf Gott ihr Vertrauen setzten, seine Taten nicht vergässen und seine Gebote bewahrten – Psalm 78:6-7.

 

Sonntagsvorbereitung

‘Wir können am Morgen nicht mehr miteinander die Bibel und die Losungen lesen, alle gehen zu einer anderen Zeit aus dem Haus. Das ist heute so‘. So die Aussage einer Mutter in den 1960er Jahren

Weiter meint sie: ‚Auf dem Bauernhof zur Zeit meiner Kindheit war das nicht denkbar, dass man sich am Morgen nicht um den Tisch getroffen hätte zum Gebet. Gleicherweise am Abend, da waren alle da, wir waren viele, immer 12 und mehr, die andächtig dem Vater, der in der Familienbibel las, zuhörten und sich verneigten zum Gebet. Dass der Glaube weitergegeben wurde, in der Familie, in der Schule und in der Gemeinde, war den Eltern wichtig.

 

Als älteste einer grossen Familie musste ich beim Vorbereiten des Sonntags tüchtig mithelfen: ganze Reihen von Schuhen standen bereit zum Putzen und Wichsen, Kleider mussten noch gebürstet, Böden gescheuert, die Umgebung in Ordnung gebracht werden, kleine Geschwister warteten auf das Bad im Zuber in der Küche, der Teig für den Kuchen war auch noch nicht bereit. Bald roch es nach Seife, Wichse, Zopf, Kuchen und Suppe. Soviel wie möglich wollten wir für den Sonntag vorbereitet haben, so dass wir Zeit und Ruhe fanden für den Gottesdienstbesuch (nach dem Mittagessen) und  für Begegnungen mit Verwandten und Glaubensgeschwistern. Fast jeden Sonntag bekamen am Familientisch auch Gäste Speis und Trank‘.

 

Gastfreundschaft

Auf täuferischen Bauernhöfen wurde Gastfreundschaft gepflegt, sonntags und werktags. Kam ein Hausierer vorbei oder ein Arbeitsuchender, was etwa vorkam, bekamen diese eine kräftige Mahlzeit. Oft lebte für einige Zeit ein obdachloser Alkoholiker im Haus und bekam gegen Arbeit Essen und Bett. Ihnen wurde bald warm an Leib und Seele am Familientisch und beim Zuhören der vielstimmigen Lieder, die zum Harmoniumspiel erklangen.