Trends, Einflüsse und Ausdrucksformen des Glaubens

Autor: Lukas Amstutz

Wer die derzeit 14 Gemeinden besucht, lernt schnell: Mennoniten sind verschieden. Frömmigkeitsstile und theologische Überzeugungen variieren nicht nur zwischen einzelnen Gemeinden, sondern finden sich auch innerhalb der Lokalgemeinden. Diese Vielfalt ermöglicht einerseits jene ausgeprägte Gemeindeautonomie, die einer Lokalgemeinde in Lehre und Praxis weitgehende Eigenständigkeit zugesteht. Theologische Stellungnahmen, die im Rahmen der Konferenz erarbeitet werden, haben daher meist nur empfehlenden Charakter. Andererseits ist die Verschiedenartigkeit durch unterschiedliche geistliche Impulse in Geschichte und Gegenwart zu erklären.

 

Erweckungsbewegungen

Im 19. Jahrhundert wurden viele Gemeinden von der Heiligungs- und Erweckungsbewegung erfasst. An dem in dieser Zeit auf St. Chrischona bei Basel gegründeten pietistischen Predigerseminar, liessen sich auch führende mennonitische Gemeindeälteste ausbilden. In vielen Gemeinden gibt es daher eine pietistisch-erweckliche Tradition, die persönliche Bekehrung, tägliches Gebet und Bibellektüre (Stille Zeit) sowie moralische Integrität betont. Evangelisation und (Ausland)Mission geniessen hier einen ebenso hohen Stellenwert, wie die Zusammenarbeit mit der evangelischen Allianz. Weniger stark gewichtet wird dagegen die Wehrdienstverweigerung, die vielerorts zugunsten einer obrigkeitskonformeren Haltung aufgegeben wurde.

 

Neue Einflüsse

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es nordamerikanische Mennoniten, die neue Impulse setzten. Inspiriert vom Täufertum des 16. Jahrhunderts, betonten sie die Bedeutung der folgenden Aspekte für das Wesen und den Auftrag der Gemeinde: Nachfolge Jesu, solidarische Gemeinschaft und Gewaltverzicht. Um die biblisch-theologischen und historischen Wurzeln dieser Kernpunkte in den Gemeinden zu verankern, wurde 1950 die Europäische Mennonitische Bibelschule gegründet, die heute als Theologisches Seminar auf dem Bienenberg bei Liestal ansässig ist.

 

Von diesem täuferischen Erbe geprägt, engagierten sich Mennoniten in der Folge jahrelang für den erst 1992 eingeführten Zivildienst. Darüber hinaus wuchs das Bewusstsein, dass sich das Friedenzeugnis nicht auf die Militärfrage reduzieren lässt. Konkrete Nothilfe in Krisengebieten sind daher ebenso Teil dieser friedenskirchlichen Tradition, wie das Ringen um soziale Gerechtigkeit oder das Fördern von Konflikttransformation. Dies geschieht häufig in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern in  Kirchen und Gesellschaft.

 

Ausdrucksformen des Glaubens

Mancherorts ist in neuerer Zeit eine zunehmende Offenheit für charismatische Glaubensformen gewachsen. Anbetungszeiten mit modernem Liedgut, das stärker eine emotionale Gottesliebe betont, haben sich in vielen Gottesdiensten etabliert. Die Hinwendung zu den Menschen geschieht dabei im Vertrauen auf Gottes Geist, der Menschen neben Worten und Werken auch durch Wunder heilsam anspricht und berührt.

 

Diese unterschiedlichen Glaubenstraditionen sind heute allesamt Teil der mennonitischen Vielfalt. Inwiefern es sich dabei um zusammenhangslose Glaubensäusserungen handelt, die einander bloss konkurrieren, oder ob sie sich gegenseitig befruchten und zu einer Einheit in der Vielfalt führen, wird sich immer wieder neu weisen müssen.