Mennonitische Wanderungen in Preußen, Polen und Russland

Autor: Peter Klassen
Übersetzung aus dem Englisch: Joel Driedger 

Als die täuferisch-mennonitische Bewegung im 16. Jahrhundert aufkam, wurde sie bald darauf verfolgt, vor allem aufgrund der Glaubenstaufe und ihrer Friedensethik. In Polen fanden die Mennoniten einen Ort, an dem sie bleiben konnten, denn gute Bauern und Kaufleute waren willkommen. Es entstand eine große Zahl von mennonitischen Gemeinden, besonders im Weichsel-Delta. Diese Region war erstaunlich tolerant in einem Zeitalter religiöser Intoleranz. Hier legten die mennonitischen Bauern, die ursprünglich aus den Niederlanden kamen, durch Deiche und Kanäle das Land trocken und steigerten den landwirtschaftlichen Ertrag beträchtlich. Eher kaufmännisch begabte Mennoniten ließen sich in den Randbezirken von Gdansk (Danzig) und anderen größeren Städten nieder.

 

Wahre Gläubige oder Häretiker?

Es überrascht nicht, dass den mennonitischen Nonkonformisten zuweilen vorgeworfen wurde, einen falschen Glauben zu vertreten. In einer dramatischen Szene in Gdansk wurden Mennoniten aufgefordert, diesen Vorwurf zu widerlegen. Im Jahre 1678 mussten mehrere Mennoniten vor einen theologischen Untersuchungsausschuss unter dem Vorsitz des katholischen Bischofs von Wloclawek (Leslau) treten, um über ihre theologischen Standpunkte Rechenschaft abzulegen. Als die Anhörung vorbei war, wurden die Mennoniten von allen Verdächtigungen frei gesprochen, wie Georg Hansen, ein Geistlicher der Flämischen Kirche in Gdansk, notierte. Zur selben Zeit versuchten einige religiöse Autoritäten, die Ansiedlung von Mennoniten zu verhindern. Doch Polen blieb bei seiner toleranten Haltung.

Die Mennoniten brachten vor allem Fachwissen über Deichbau mit. Das war wichtig, damit das Flußwasser kontrolliert werden konnte und das Land nicht mehr geflutet wurde. Sie folgten der Einladung des Landesherrn von Nowy Dwór (Tiegenhof) und gründeten eine Reihe von mennonitischen Siedlungen im Weichsel-Delta. Die Mennoniten hatten den Ruf, tüchtige Bauern zu sein, die ein sumpfiges Gebiet trocken legen können. Dadurch wurde vielen weiteren Siedlungen die Tür geöffnet.

 

Neue Gewissenskonflikte

Als Preußen die Kontrolle über das Weichsel-Delta übernahm, entstanden neue Herausforderungen. Die neuen Herrscher hatten wenig Verständnis für das mennonitische Prinzip der Gewaltfreiheit. Die Mennoniten wurden gedrängt, in der Armee zu dienen, was zu Glaubenskonflikten in den Gemeinden führte. Einige Leiter in den westpreußischen Mennonitengemeinden schlugen vor, die mennonitische Friedensposition aufzugeben. Es entstand schrittweise eine Trennung. Ende des 18. Jahrhunderts zogen mehrere Hundert mennonitische Familien nach Russland, wo Katharina II. Glaubensfreiheit versprach. Eine andere Gruppe von Mennoniten emigrierte nach Amerika. Unter den Mennoniten, die im expandierenden deutschen Staat verblieben, gaben immer mehr die Friedensposition auf. Später, nach der Niederlage von Deutschland 1945, flohen viele Mennoniten nach Westdeutschland. Einige starben auf der Flucht, andere fanden eine neue Heimat. Die bereits bestehenden Gemeinden nahmen die Flüchtlinge auf oder halfen ihnen, weiter nach Nord- und Südamerika zu fliehen. Nur wenige kehrten zu ihren ursprünglichen Heimatorten zurück.