Ein mennonitischer Märtyrer

Autor: Hermann Heidebrecht

Schon bald nach der Machtergreifung 1917 bekämpften die Bolschewiken jegliche Religionsausübung, da sie die Religion und vor allem die Geistlichkeit als ein großes Hindernis beim Aufbau einer neuen kommunistischen Gesellschaft sahen. So kam es Ende der 1920er Jahre zu der schlimmsten Christenverfolgung des 20. Jahrhunderts in Europa.

 

Verfolgungen

Erst nach 1987 wurde das ganze Ausmaß der Verfolgungen in der Sowjetunion bekannt. Eine Regierungskommission nannte Anfang 1990er Jahre folgende Zahlen: etwa 200.000 Geistliche (Priester, Pastoren, Gemeindeälteste, Prediger, Diakone) wurden ermordet. Weitere 300.000 Geistliche wurden in Gefängnissen und Lagern eingesperrt. Auch viele einfache Christen erlitten ein ähnliches Schicksal. Insgesamt wurden ca. 40.000 Kirchen zerstört. In den mennonitischen Dörfern wurden bis 1935 alle Kirchen geschlossen. Zunächst wurden die Gemeinden mit sehr hohen Steuern belastet. Als sie dann die Steuerschuld nicht bezahlen konnten, wurden die Kirchen beschlagnahmt und zu Kinos, Getreidespeicher, Werkstätten o. ä. umgewandelt. Die meisten Älteste und Prediger wurden verhaftet.

 

Haft

So erging es auch dem Ältesten Jakob A. Rempel aus Grünfeld (1883-1941). Dank eines großzügigen Stipendiums hatte er in den Jahren 1906-1912 an der Predigerschule und der Universität in Basel, Schweiz, Theologie, Philologie und Philosophie studiert. Zurück in Russland wurde Rempel Schullehrer und dann Universitätsdozent. Die Berufung zum Professor an der Universität Moskau konnte er nicht annehmen, da er zum Gemeindeältesten in Neu-Chortiza gewählt wurde. In den 1920er Jahren leitete Rempel die mennonitische Bruderschaft und verhandelte mit der Regierung in Moskau um den Erhalt der Gemeinden. Im September 1929 musste Rempel aus Grünfeld fliehen. Sein Vermögen wurde beschlagnahmt und seine Familie vertrieben. Im November 1929 wurde er in Moskau festgenommen, sieben Monate lang gefoltert und anschließend zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt.

 

Rempels letzter Brief

Nach einigen Jahren gelang ihm die Flucht, doch schon bald danach wurde er erneut verhaftet. Er blieb in Haft, bis er am 11. September 1941 im Gefängnis der Stadt Orel auf persönlichen Befehl Stalins zusammen mit 156 anderen Gefangenen erschossen wurde. In einem seiner letzten Briefe schrieb er:

 

Man kann mich in Ketten legen, schlagen, mir den Kopf abtrennen, aber niemand kann mir meinen Glauben, meine Kenntnisse, die Geschichte meines Leben nehmen. Vom Stallknecht zum Professor, noch höher in der gesellschaftlichen Arbeit, und jetzt bin ich auf dem Gipfel meines Lebens. Ich will mich hiermit nicht brüsten und ich schrecke auch nicht zurück vor der Wahl dieses Weges, aber tief beuge ich mich vor dem, der mir diesen Weg vorgeschrieben hat.