Organisatorische Vielfalt der Russlandmennoniten

Autor: Hermann Heidebrecht

Unter den etwa 2,5 Millionen Russlanddeutschen, die seit den 1970er Jahren in die Bundesrepublik Deutschland gekommen sind, haben etwa 200.000 Menschen einen mennonitischen Hintergrund. Viele Menschen mit mennonitischem Hintergrund haben bei ihrer Einreise nach Deutschland zwar ihre Konfessionszugehörigkeit mit ‘Mennonitisch‘ angegeben, aber ein Großteil von ihnen lebte in der ehemaligen Sowjetunion in Gegenden, wo es nach dem 2. Weltkrieg keine Mennonitengemeinden gab, sie waren folglich nicht getauft und somit nie Mitglieder einer Mennoniten- oder Mennoniten-Brüdergemeinde gewesen (in der Sowjetunion gab es seit 1860 überwiegend diese zwei Gemeinderichtungen). In den vergangenen Jahrzehnten haben viele von diesen ‘Entwurzelten‘ den Weg zurück in die Glaubensgemeinschaft gefunden. Insgesamt zählen die mehr als 100 Gemeinden der Russlandmennoniten in Deutschland etwa 35.000 bis 40.000 Mitglieder.

 

Bruderschaften und Verbände

Die Mennonitengemeinden (MG) mit etwa 35 Versammlungsorten haben sich fast alle in der Arbeitsgemeinschaft zur geistlichen Unterstützung der Mennonitengemeinden (AGUM) zusammengeschlossen. Die Mennoniten- Brüdergemeinden (MBG) dagegen haben sich in mehreren Verbänden organisiert. Ein Großteil der MBG hat sich in zwei Verbänden wiedergefunden, die sie zusammen mit russlanddeutschen Evangeliums-Christen-Baptisten gegründet haben: 25 Gemeinden (einschließlich Filialen) in der Bruderschaft der Christengemeinden in Deutschland (BCD) und 7 Mennoniten-Brüdergemeinden im Bund Taufgesinnter Gemeinden (BTG). Eine weitere große Gruppe der MBG mit etwa 23 Versammlungsorten gehören zu dem so genannten Frankentaler Kreis, einer informellen Bruderschaft der Mennoniten-Brüdergemeinden. Eine MBG hat sich der Bruderschaft der Evangeliums-Christen-Baptisten angeschlossen und einige weitere Gemeinden gehören zu keinem Verband. Eine gewisse Anzahl an Russlandmennoniten findet sich auch in anderen Gemeindeverbänden (AMBD, VMBB, WEBB).

 

Statement der Aussöhnung

Im Rahmen der Feierlichkeiten anlässlich der 150 Jahre des Bestehens der Mennoniten-Brüdergemeinde im Jahr 2010 haben einige Mennoniten-Brüdergemeinden, die zu dem Bund Taufgesinnter Gemeinden (BTG), zur Arbeitsgemeinschaft mennonitischer Brüdergemeinden (AMBD) und zum Verband der Evangelischen Freikirchen Mennonitischer Brüdergemeinden in Bayern (VMBB) gehören, ein Statement der Aussöhnung veröffentlicht, in dem sie für das Fehlverhalten der Mennoniten-Brüdergemeinde im Laufe ihrer Geschichte anderen Mennonitengemeinden gegenüber um Vergebung baten und ihren Wunsch zum Ausdruck brachten, dass das zukünftige Miteinander von brüderlicher Liebe und gegenseitiger Wertschätzung bestimmt sein soll. Obwohl die meisten russlanddeutschen Mennoniten-Brüdergemeinden sich diesem Statement nicht angeschlossen hatten, kann man das Verhältnis der Gemeinden beider Richtungen schon seit vielen Jahren als brüderlich und in vielen Fällen auch herzlich bezeichnen.