Gemeindeleben

Autor: Johannes Dyck

Das Gemeindeleben der russlanddeutschen Mennoniten in Deutschland ist in vielen Hinsichten dem traditionellen Weg ähnlich, den man vor der Verfolgungszeit in der Sowjetunion beschritt. Die Gemeinde kommt jeden Sonntag zu einem oder zwei Versammlungen zusammen. Die Gestaltung einer gewöhnlichen Versammlung ist einfach – ein bis drei (kurze) Predigten im Wechsel mit Chor- und Gemeindegesang. Die Prediger sind von unterschiedlichem Alter und geistlicher Erfahrung. Die Zahl der Verkündiger in einer Gemeinde kann in die Dutzende gehen.

 

Predigt

Die Tradition vieler Verkündiger kommt von den pietistischen Erweckungsversammlungen her, die in Russland in den 1840er Jahren ihren Anfang hatten, in denen mehrere Teilnehmer ihr Zeugnis brachten. In der frühen Mennoniten-Brüdergemeinde wurde die Vielzahl von Predigern schnell zu Tradition. Einsatz von vielen Brüdern machte sie alle zu aktiven Verkündigern des Wortes Gottes und gab zusätzliche Kraft der Verbreitung des Evangeliums. In der Erweckung der Nachkriegszeit, die in einer Verfolgungszeit stattfand, war eine große Verkündigerzahl die beste Überlebensstrategie – wenn die Leiter verbannt oder verhaftet wurden, gab es immer wieder Neue an deren Stelle.

 

Themen und Gesang

Folgend einer alten pietistischen Tradition besteht der Hauptinhalt einer Predigt aus Ermutigung im Glauben. Oft rufen Prediger zur Buße, Bekehrung und Wiedergeburt auf. Man predigt über Nachfolge, heiliges Leben und Trennung von der Welt. Diese Themen dominieren auch die wöchentlichen Gebets- und Bibelstunden. Ein wichtiger Teil der russlanddeutschen mennonitischen Frömmigkeit ist Gesang. In Zeiten der Verfolgung, als Mangel an Bibeln herrschte, konnten christliche Lieder einfacher auswendig gelernt und so weitergegeben werden. Oft waren sie der einzige Weg der Stärkung im Glauben und des Trostes sowohl für einzelne Personen als auch für kleine Gruppen. Für viele junge Menschen waren deutsche geistliche Lieder der Weg, um Deutsch zu lernen. Wichtig für das Gemeindeleben ist auch der Chorgesang.

 

Beziehungen und Begegnungen

Das Gemeindeleben beschränkt sich längst nicht auf Versammlungen. Es findet seinen Ausdruck auch in engen persönlichen Beziehungen unter den Gemeindegliedern. Dieses Modell der Nähe und Verbundenheit des Gemeindelebens entstand vor langer Zeit, durch Leben in der Kolonie in einer ländlichen Umgebung als Gemeindeglieder im selben Dorf lebten und Nachbarn waren. Wichtiger Teil des Gemeindelebens sind geschlossene Gemeindestunden. Hier berichten Taufkandidaten über ihren Glauben, hier wird Gemeindedisziplin ausgeübt, es wird über moralische Standards und Zeugnis vor der Welt gesprochen und wichtige Entscheidungen (hinsichtlich des Gemeindelebens) werden getroffen.