Mennoniten verlassen die UdSSR in Richtung Deutschland

Autor: Hermann Heidebrecht 

Vor 1987 konnten nur einige Tausend Russlandmennoniten in die Bunderepublik Deutschland ausreisen. Ab diesem Jahr wurden die meisten Ausreiseanträge von Deutschen durch die sowjetischen Behörden genehmigt. Es kam dann zu einer Massenauswanderung, wie sie wohl in der Mennonitengeschichte noch nie stattgefunden hat. Es gab einige Gründe für die Ausreise fast aller Mennoniten aus der ehemaligen Sowjetunion.

 

Religiöse Unterdrückung in der Sowjetunion

Fast 70 Jahre dauerte nun schon die religiöse Unterdrückung. Die Christen wurden nicht nur bedrängt, sondern auch als rückständig und zurückgeblieben angesehen.

 

Nationale Unterdrückung in der Sowjetunion

Auch die nationale Unterdrückung der Russlanddeutschen, die von Hitlers Nationalsozialisten (in Russland nur Faschisten genannt) des II. Weltkriegs nicht unterschieden wurden, war auch für viele Mennoniten ein schwerwiegender Grund das Land zu verlassen. Zwar gab es in einigen Gebieten der Sowjetunion deutsche Schulen, deutsche Radiosendungen, deutsche Zeitschriften, aber dieses konnte den Zerfall der deutschen Identität nicht mehr aufhalten.

 

Politische und wirtschaftliche Gründe

Die meisten Mennoniten waren wohl nie mit der sowjetischen Politik einverstanden gewesen. Zu tief saß der Schmerz der Enteignungen, Verbannungen, Verhaftungen, Erschießungen und anderer Leiden der letzten Jahrzehnte. Es gab kaum eine mennonitische Familie, die keine Opfer zu beklagen hatte. Sie hatten kein Vertrauen in die sowjetische Regierungen und ihre Führer. Auch die wirtschaftlichen Gründe sprachen für die Auswanderung. Immer noch mangelte es den Menschen in den Städten und Dörfern der UdSSR an fast allem. Zwar hungerte keiner mehr, doch Brot, Butter, Milch, Zucker und andere Nahrungsmittel konnten in vielen Fällen, wenn sie nicht selbst hergestellt werden konnten, nur mit Mühe beschafft werden. Dasselbe galt für Kleidung, Möbel, Haushaltsgeräte und andere Waren.

 

Organisierte Betreuung von Umsiedlern

Die Mennonitische Umsiedlerbetreuung, die schon 1972 von den altansässigen Mennonitengemeinden gegründet wurde, hatte viele Jahre die Aufgabe den Neuankömmlingen bei ihrem Neuanfang zu helfen. Durch die Hilfe dieser Organisation konnten viele Ansiedlungsmöglichkeiten in Deutschland gefunden werden, an vielen Orten konnte mit den regelmäßigen kirchlichen Versammlungen begonnen werden und viele neue Kirchengemeinden konnten gegründet werden. Nachdem die Mennonitische Umsiedlerbetreuung 1994 ihre Arbeit eingestellt hatte, übernahm der von Aussiedlergemeinden gegründete Aussiedler-Betreuungsdienst diese Aufgaben. Beide Betreuungsdienste haben in diesen Jahren mehr als 100 000 Mennoniten oder Personen mennonitischer Herkunft schon in den Grenzdurchgangslagern und Landesaufnahmestellen begrüßt und beraten.