Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg

Autor: Johannes Dyck

In der Zeit der schweren Verfolgungen zu Stalins Zeiten haben die Mennoniten fast alle Kirchenältesten, Prediger und Versammlungshäuser verloren. Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurden alle Deutschen aus dem europäischen Teil gewaltsam nach Sibirien und Zentralasien deportiert und durften ihre Wohnorte nicht verlassen. Mennoniten waren Teil dieser Katastrophe. Dazu kam, dass zu Beginn des Jahres 1942 die deutschen Männer in die Arbeiterarmee mobilisiert wurden.

 

Gebetskreise unter Deportierten

Unter unerträglichen Bedingungen in der Arbeiterarmee, oft im Angesicht des Todes, haben die Männer begonnen, zu Gott zu schreien. Sie versammelten sich zu geheimen Gebetskreisen, oft ohne Rücksicht auf Konfessionszugehörigkeit. Einen dieser Gebetskreise rief Heinrich Voth, ehemaliger Kirchenältester in Nikolaifeld 1942 ins Leben. Gott erhörte sie. Eine Wiederbelebung des Glaubens setzte ein. In vielen Orten kamen geheime Gebetskreise zustande. Im Jahr 1945 wurden viele Mennoniten, die im Krieg nach Deutschland gelangten, zurück in die Sowjetunion repatriiert. Auch sie versammelten sich zum Gebet in ihren neuen Deportationsgebieten. Wo es möglich war, schlossen sich Mennoniten russischen Baptistengemeinden an, die während des Krieges wieder erlaubt wurden.

 

Nach Stalin

Nach dem Tod des Diktators Stalin im Jahr 1953 setzte politisches Tauwetter ein. Im Jahr 1956 kamen alle Deutschen aus der Verbannung frei. Die Unterdrückung des Glaubens gab etwas nach und in vielen Dörfern haben mutige Männer die in den früheren Jahren Bekehrten getauft. So entstanden in den ehemaligen Verbannungsorten kleine Dorfgemeinden. Befreit von der Verbannung zogen die Deutschen, unter ihnen auch die Mennoniten, in den Süden des Landes, vornehmlich nach Kasachstan und Kirgisistan, wo sie neue Gemeinden gründeten oder sich den bestehenden russischen Baptistengemeinden anschlossen. Die Letzten waren den Mennoniten-Brüdergemeinden sehr ähnlich. So bildete sich eine neue Gemeindegeographie heraus.

 

Wehrlosigkeit als Grund für Ablehnung

Das Tauwetter, zumindest in Bezug auf Religion, endete im Jahr 1958, und es setzte eine neue Verfolgungswelle ein. Aufgrund ihrer traditionellen Wehrlosigkeit wurden die Mennoniten als reaktionäre staatsfeindliche Sektierer abgestempelt. Ihre Gemeinden wurden in die Liste der offiziell zugelassenen Glaubensrichtungen nicht aufgenommen; sie hatten keine Chance, offizielle Anerkennung zu erlangen. Dieses änderte sich erst im Jahr 1966, was zur Legalisierung der ersten Mennoniten- und Mennoniten-Brüdergemeinden führte. Viele Menschen mit mennonitischen Hintergrund schlossen sich aber auch Baptistengemeinden an.

 

Quelle: And When They Shall Ask. A Docu-Drama of the Russian Mennonite Experience (1984/2010) dvd. www.mennonitemediasociety.com