Von der Wohltätigkeit Einzelner zur organisierten Sozialarbeit

Autor: Frédéric de Coninck 
Übersetzung: Martje Postma 

Wie ist es zu erklären, dass viele Menschen, die sich individuell zugunsten  hilfreicher Aktivitäten für Menschen in Not einsetzen, sich sofort zurückhaltend aufstellen, wenn wir eine Diskussion führen wollen über die Strukturen, die diesen Problemen zugrunde liegen?

Organisierte Nächstenliebe: die Kirche

Es ist nicht sinnvoll, die Antwort auf diese Frage im Neuen Testament zu suchen, denn dort findet sich keine. Die Machthaber jener Zeiten sahen es nicht als ihre Aufgabe an, sich um die Armen zu kümmern. Also gab es nicht den Gedanken an ein Hilfsorgan, das sich um Sozialarbeit kümmert. Jene, die sich um ihre Mitmenschen sorgten, hätten nie die Vorstellung organisierter Mitmenschlichkeit entwickeln können.

Können wir daraus schließen, dass die Verfasser des Neuen Testamentes nur Mitgefühl und Hilfe in Einzelfällen vertreten? Nein, ganz gewiss nicht. Als das Problem der Witwenversorgung für die frühe Kirche zu unüberschaubar wurde, schien es für die Apostel völlig richtig, sieben Menschen für genau diese Aufgabe anzuweisen (Apostelgeschichte 6:1-6). Später, als der Apostel Paulus den jungen Kirchen Hinweise für ihre Organisation gab, beschrieb er genauestens die Gabe des Gottesdienstes und die Gabe der Barmherzigkeit (Römer 12:7-8). In seinem ersten Brief an die Korinther erwähnt er die Gabe, anderen helfen zu wollen (12:28). Petrus beschreibt in seiner Liste die Dienste weniger ausführlich, doch die Wirkung ist noch eindrucksvoller, er unterteilt sie schlicht in zwei Kategorien: Predigen und Helfen (1. Petrus 4:11). 

 

Auch wenn es im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung noch keine Sozialarbeiter gab, schien es für die damalige Kirche normal zu sein, Menschen für diese spezielle Aufgabe anzuweisen.

 

Die Rolle der Christen

Wo sollten wir uns heute also positionieren, in unserem heutigen Kontext, wo die Sozialarbeit vom Staat organisiert wird, und Christen und Nicht-Christen Seite an Seite in sozialen Einrichtungen zusammenarbeiten? Einerseits sehe ich da kein Problem, solange ein Einverständnis über die Ziele des Projektes gegeben ist. Wir lesen in Römer 12:18 'So es euch möglich ist, lebt in Frieden mit allen Menschen'. Paulus besteht an dieser Stelle darauf, in unserem Handeln mit anderen Menschen Einverständnis zu suchen, bevor wir Gründe für Uneinigkeit finden. Andererseits, wenn wir uns klarmachen, dass gewisse Menschen vernachlässigt, ignoriert oder abgelehnt werden, ist es unsere Rolle als Christen, diese Menschen zu unterstützen, indem wir sicherstellen, dass ihre Nöte verstanden werden, und wir die angemessene Form für christliche Barmherzigkeit finden und uns einsetzen, bis unsere Stimmen gehört werden.